Architektonischer Kurz-Trip nach Barcelona – ganz ohne Gaudí

Geht das? Daß man einen 3 Tage Wochenend-Bummel zur Architektur durch Barcelona unternimmt, ohne sich mit Gaudí zu beschäftigen…? Ich habe den Versuch gemacht. Und nicht nur die modernistische Aera, sondern auch weitgehend die üblichen touristischen Anlaufziele ausgelassen. Spannend war es trotzdem…

Große Schwester Barcelona

Nur einen Katzensprung entfernt, was bedeutet 206 km Luftlinie, 111,5 Seemeilen. Das sind 8 Stunden auf der Fähre oder 50 Minuten in der Luft, nur ein Hüpfer also. Und doch liegen Welten zwischen der prächtigen Stadt an der Ostküste Spaniens und Palma de Mallorca, ihrer kleinen Schwester auf diesem kleinen Felsen im Meer. Grund genug, die Provinz also hin und wieder zur verlassen. Jeder Anlass kommt gelegen, in das quirlige Barcelona einzutauchen, sich dem weltstädtischen Gehabe hinzugeben, sich wieder auf den neuesten Stand in Kunst und Lebensart dieser Stadt zu bringen und einen langen Wochenend-Bummel zur Architektur Barcelonas zu unternehmen.

Der Anlass ist schnell zur Hand, die zweijährliche Baumesse Construmat wird in Technik und Design neue Information rund ums Bauen bieten und nebenher Zeit lassen für Wanderungen auf den Spuren neuerer Architektur.

Restaurante Sr. Parellada

Ich buche kurzfristig, daher ist die Hotelauswahl nicht mehr allzu groß, aktuell zwei Messen und der mittlerweile enorme Andrang von Touristen aus aller Welt grenzen das Angebot schnell ein. Meine Wahl fällt dann doch auf ein Hotel im alten Zentrum und nicht wie ursprünglich gewünscht auf halbem Weg zwischen Altstadt und Messegelände.

Ein Hotel, eine Geschichte

Eine gute Wahl allerdings. Das sehr schön modernisierte Haus, eine Herberge aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, in dem man seinerzeit für 5 Peseten mit Bett und Frühstück versorgt wurde, bietet zwar nicht die im Namen erwähnten orientalischen Bäder, kann aber dafür offenbar aus allen Lebensphasen seiner wohl bewegten Geschichte noch im Detail erzählen.

…und ein sympathisches Restaurant

Die klassische Fassade ist mit hellen Sonnenstores an den Balkonen ausgerüstet, auf den Fluren stehen kleine fauteuils aus den herrschaftlichen Zeiten im französischen Stil und komfortable moderne Sitzmöbel. Das in warmen Farben gehaltene, leicht antiquiert wirkende, dennoch sympathische und sehr empfehlenswerte Restaurant mit regionaler Küche akzentuieren eine schmale Galerie über den hohen Bögen und klassische Lüster, auf der Anrichte eine Tischleuchte (Typ Kaiser) aus den 50er Jahren, darüber eine Lichtschöpfung der frühen 2000er. Eine angenehme Mischung aus vorgestern, gestern und heute, mit exzellentem Service. Und es liegt etwas abseits vom großen Trubel.

Hochaus Glasfassade über gößerem Sockelgeschoß aus Betonband mit Zeichnungnen nach Picasso, schwebend über Glasfassade des vertieften Untergeschosses

Plaça Nou

Mein erster Erkundungsgang in meinem Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona – führt mich an der Kathedrale vorbei zur Plaça Nou. Die Architektenkammer hat hier ihren Sitz in einem modernen Gebäude (1957 – 1962) des Architekten Xavier Busquets. Ungewöhnlich die Umkehrung der Fassadengestaltung. Ein fensterloser massiger, wie ein umlaufendes Band wirkender Baukörper mit einem Fries nach Zeichnungen von Picasso schwebt über einem verglasten, vertieft in den Boden eingelassenen unteren Geschoß.

Kaffee in der Architektenkammer

Dort im Innern eine Station der Touristeninformation, die den Besucher mit allem notwendigen und wünschenswerten Infomaterial zur Stadt versorgt. Und das so aufmerksam, als dürften die Damen nach jahrelanger Langeweile endlich wieder einmal einem Interessierten eine spannende Geschichte erzählen.

Architektenkammer Innenansicht, zweigeschoßiges Untergeschoß mit freier Fläche, zwei Stahlstützen in der Mitte
Colegi d‘ Arquitectes de Catalunya, interior

Ich schaue mich um. Ein hoher Raum, zur einen Hälfte ein Aktionsraum, der gerade für eine Ausstellung genutzt wird, zur anderen ein weitläufiger Laden, der Designartikel vom Feinsten anbietet.

Und noch ein paar Stufen tiefer ein mit viel Holz gestaltetes Restaurant der unkomplizierten Art, das mit WLan (WIFI) ausgerüstet ist und seinem Passwort wohl alle Ehre macht: bester Mittagstisch der Kathedrale.

100 Jahre Bauhaus, auch hier zu zelebrieren…

Zurück in der Sonne auf dem Neuen Platz wird von der Kammer passend zur Woche der Architektur 2019 zu 100 Jahren Bauhaus eine Serie von geführten Besuchen (catalán und castellano) zu besonderen Architektur-Beispielen annonciert. Leider bin ich zu spät mit meiner Buchung, um sie in meinen Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona aufzunehmen, alle Plätze sind bereits seit Tagen vergeben. Jedoch ist die aushängende Liste ein guter Anhaltspunkt, auf eigene Faust die Architektur des Rationalismus in Barcelona aufzuspüren (verkürzte Liste im Anhang) und sicher einen weiteren Besuch Barcelonas wert.

Den werde ich schon einmal vorsehen; zuviel habe ich seitwärts bemerkt, ohne daß ich es diesmal in meine Tour aufnehmen konnte. Auch ein paar Ziele im näheren Umkreis der Stadt, die es lohnen, sie in einem weiteren, vielleicht 6-Tages-Trip zu besuchen.

Stadt der Radfahrer…

Rotes Elektrorad an Aufladestation Plaça Catalunya
innerstädtische Flexibilität

Zunächst jedoch zirkeln meine Kreise um die Altstadt herum. Plaça Catalunya ist der lebhafte Dreh und Angelpunkt zwischen Ciutat Vella und den umliegenden neueren Stadterweiterungen des späten 19. Jhdts. Fast alle Busse kommen hier vorbei, und alle Motorräder und Taxis, so scheint es, jedenfalls dem Dauer-Lärmpegel nach zu urteilen.

Immerhin gibt es auch unkompliziert per Scheckkarte feuerrote Elektroräder zu mieten; nach den leeren Stellplätzen zu urteilen, werden sie gut genutzt. Die Nummerierung der Stationen reicht bereits bis zu No. 492.

Plaça Catalunya

Skulptur Beton abgetreppt gegen den Beschauer im Brunnen, im Vordergrund junger Mann
Brunnen Plaça Catalunya

Um den von einem Denkmal dominierten Brunnen herum schlägt das Herz der Stadt. Die Skulptur ist dem ersten Präsidenten der Autonomen Landesregierung Kataloniens Francesc Macià i Llussà gewidmet, der schon die Unabhängigkeit von Spanien anstrebte, seinen Posten aber nur ein Jahr, von 1932 bis zu seinem Tod 1933 innehatte.

Jedoch hatte Katalonien bereits ab 1931 einen autonomen Status, der mit dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg aufgehoben wurde. Das Bestreben eines Teils der Bevölkerung nach Unabhängigkeit hat also tiefe Wurzeln und zeigt sich auch bei meinem Besuch später noch nachdrücklich.

Vom Restaurant im 8. Stock des gewaltigen Kaufhauses Corte Inglés bekommt man zu einem ordentlichen cortado gratis den herrlichen Blick über den Platz und die Stadt bis zum Montjuic.

Barrio El Raval

Schräg gegenüber beginnt der Carrer Pelai. Ein kurzes Stück dort entlang und dann nach links abschwenkend Richtung Süden gelange ich zum MACBA, dem Museu d‘Art Contemporani de Barcelona, einem Bau von Richard Meier, entstanden 1972-1995 in der für ihn so typischen Bauweise, bei der er nach eigenen Angaben weniger vom Bauhaus als von Le Corbusier inspiriert wurde: große Glasfronten wechseln mit massiven weißen Bauteilen, die zum Teil als schattenspendende, bewegt durchgestaltete vorgehängte und auskragende Fassaden ausgeführt sind.

Licht erleben

Das macht im Inneren spannende Lichtsituationen erlebbar, vor allem in der Nähe des Eingangs im Bereich der Rampe ins Obergeschoß in einem gebäudehohen Glaskasten.

Außen lockt das Museum, das alle drei bis vier Monate neue Ausstellungen bietet, mit wechselnden Eindrücken der Fassade und interessanten Fotomotiven mit Spiegelungen im Kontext alter Bausubstanz der Umgebung.

Fassadenspiele

Glas-Stahl Fassade des MACBA mit Spiegelung der alten Fassaden gegenüber
MACBA, Arch. Richard Meier

Und im Wechselspiel mit einer Kolonie artistisch begabter Skateboarder, die so gelassen wie die Tauben der Plaça Catalunya die in (!)sicherem Schritt die Freifläche überquerenden Passanten aussparen. Ganz offensichtlich mit Genuß lassen sie ihre Bretter zielgenau auf Stufenkanten und Geländer herunter donnern, um vielleicht doch einen unwissenden Flaneur zu einem erschrockenen Hüpfer zu veranlassen. Ein Tanz, ein beschwingter Zeitvertreib. Wer wollte es ihnen übelnehmen? Den Platz haben sie offenbar annektiert. Geduldet – nein, sichtlich respektiert. Und mehr… Jorge García Palomo berichtet in einem Artikel im Fluggast-Magazin einer spanischen Airline von der internationalen Schar der Skate-Artisten, die diesen Platz zu einem der weltweit besten gekürt haben.

Skater’s Land

Eine kleine Pause auf den Stufen am Rande wird mir gegönnt, bevor ich freundlich aber unmißverständlich darauf aufmerksam gemacht werde, dieser Platz gehört den Artisten auf den Brettern. Das Krachen, Kratzen und Kreischen der Boards auf den Steinkanten und den stählernen Geländern ist angemessene Musik in diesem vielschichtigen und insgesamt so unangepaßten Viertel der Stadt.

Ein paar Straßen weiter öffnet sich der Zugang zum früheren Hospital de la Sta. Creu, in dem sich seit 19 Jahren die Bibliothek von Katalonien befindet. Das frühgotische Gebäude mit schönen Bögen und Kreuzgewölben hat einen Ausgang zu einer Art Lesehof, in dem die zwischen Bäumen und blühenden Büschen locker verteilten Tische und Stühle von der Bibliothek angepriesen werden und jetzt gerade gut besetzt sind, eine Bücherbox zur freien Bedienung.

Pausenhof mit Buch und Schach

Ein Gartenschach mit leicht kampfesmüden Figuren beschäftigt eine Handvoll Männer, junge und ältere. An der Seite erweitert sich der Hof zu einem vegetarischen Restaurant hin, die Atmosphäre nachbarschaftlich, vertraut, auch wenn außer mir sicher noch andere Touristen die entspannte Stille für eine Mittagspause nutzen.

Lesehof Biblioteca, links Gartenschach
Lesegarten Biblioteca de Catalunya

Gleich nebenan ein Ausstellungsraum, der die mittelalterliche Halle zur Zeit offenbar vor allem jungen Künstlern zur Verfügung stellt.

Alte Naturstein-Fassade mit Graffiti, handgeschrieben in Schreibschrift schwarz: Die Poesie wandert durch die Straßen.
la poesia, algo que anda por las calles / Poesie – etwas, das durch die Straßen wandert

Straßenpoesie

Die Lust auf einen Kaffee schwemmt mich dann doch ein kurzes Stück über die Rambla, am berühmten Teatro Liceu vorbei hinüber zur Plaça Reial. Immer noch eine der Touristenattraktionen par excellence, aber eben auch ein Ort exzellenter harmonischer Platzgestaltung. In der ruhigeren Vor- und Nachsaison, wie jetzt im Mai, ist er Genuß pur und so muß ich ihn in meinen Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona unbedingt und wenn auch nur für einen Kaffee einschließen.

Kontrast: beton brut

Torre Colon links, Beton-brut-Architektur, Nachbarbebauung traditionell mit weißer Putzfassade rechts
Torre Colon

Den unteren Teil der Rambla in der Nähe der Kolumbussäule beherrscht der Torre Colon, schon zu seinen Zeiten ein architektonisch umstrittenes Projekt. Das Gebäude des Brutalismus aus den 70er Jahren mit dem einem Flughafen-Tower ähnlichen Aufbau blickt drohend auf den Entdecker und Namensverleiher (mit dem es offenbar so gar nichts gemeinsam hat) auf seiner grazilen, reich dekorierten Säule in der Nähe herab.

Aktuell ist hier das „Institut für Stadtlandschaft und Lebensqualität“ untergebracht, ein Titel, der gerade bei diesem Gebäude zu denken gibt. Zu Francos Zeiten soll hier die Polizeizentrale mit allen einschüchternden und kontrollierenden Einheiten stationiert gewesen sein… form follows function?

Stadtteil mit Widerstand

Ich schlendere nach links am Museu de Cera vorbei zur stillen Plaça de la Mercè vor der gleichnamigen Kirche. Jetzt am Nachmittag wandern die langen Schatten an klassischen Fassaden hinauf, aus der nächsten Bar klingt die Stimme von Maria del Mar Bonet mit ihrem Lied von 1968 „Què volen aquesta gent?“, ein Lied der Widerstandsbewegung gegen den Franquismus, das aktuell, zur Zeit der Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens, wieder auf vielen Festivals vorgetragen wird.

Ein stiller, jedoch nicht unbelebter Platz, offensichtlich treffen sich hier Bekannte aus dem Viertel auf eine schnelle caña, bevor die einsetzende Dämmerung zur Vorbereitung des familiären Abendessens mahnt. – Das Thema Unabhängigkeit jedoch wird mir am folgenden Tag in den angrenzenden Stadtteilen wieder begegnen.

Tagesstart an den Messehallen

Der Anlaß für meinen 3 Tage Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona wird am nächsten Tag mit dem Messebesuch aufgegriffen. Der Eingangsbereich der Messehallen an der Plaça Europa ist in seiner amorphen Form ein attraktiver Neubau aus 2009 von Toyo Ito für FIRA, der Messegesellschaft Barcelonas, die in diesen und den nahe der Plaça Espanya gelegenen älteren Gebäuden rund 600 Messen jährlich organisiert und damit zu den größten Messeplätzen Europas gehört.

Hotel-Türme von Toyo Ito, rund-verformt in rot links, rotes gegabeltes Element vor grauer Fassade rechts

Gegenüber ein Areal mit Beispielen neuerer Hochhausarchitektur. Bürogebäude mit den üblichen rechteckigen Grundrissen und Vorhangfassaden und einige Hotels, ebenfalls aus der Feder von Toyo Ito; hier gemeinsames Farbschema: Grau, Rot. Darunter ein auffallender „bewegter“ Rundturm, mit einer aus roten, geneigt angebrachten Rohren bestehenden Vorhang-Fassade. Am Fuß des Turm zu stehen und den Blick nach oben zu wenden – spektakulär.

Barcelona Pavillon, Durchblick von Osten, tragende Stahlstützen neben Wand aus grünem Serpentinit.
Foto credit: Hans Peter Schaefer – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52728

Auf dem Rückweg zur Stadt Zwischenstop an der Plaça Espanya. Viele Touristen kennen diesen Platz von Besuchen am Abend, wenn der Brunnen in einer gewaltigen Wasser-Licht-Show zum Leben erwacht. Mein Ziel aber liegt etwas versteckt dahinter, der Barcelona Pavillon, den Mies van der Rohe als Selbstdarstellung der Weimarer Republik zur Welt-Ausstellung von 1929 entworfen hat.

Pabellón Mies van der Rohe

Der frappierende Eindruck von Leichtigkeit und fließenden Übergängen entsprach wohl allgemein dem neuen Wunsch nach Offenheit und Transparenz, auch in der Politik. Die tragenden Elemente waren erstmals nicht in die Außenwände eingebunden. Nach dem Ende der Ausstellung wurde er abgebaut und die verwertbaren Teile wurden verkauft. 1983 bis 1986 wieder aufgebaut, ist der Pavillon auch heute noch ein Ort der Ruhe. Und geeignet, wieder einmal, wie schon vor vielen Jahren, in einer Pause auf meinem Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona über Bauformen und ihre Moden zu reflektieren.

Ehemalige Stierkampfarena, alte Fassade erhalten, unten sichtbar neue Struktur (grau, rot) aus Beton, als Abschluß auskragendes, schwebendes Dach
Foto credit: subramanianramvijji0 auf pixabay.com

Und ihrer Nutzung. Gegenüber erhebt sich eine der drei Stierkampfarenen der Stadt, ein Bau im (maurischen) Mudejar-Stil aus dem Jahr 1900, der, 2011 wiedereröffnet, von Richard Rogers zu einem Shoping Center umgebaut worden war. Vom Originalbau besteht nur noch die kreisförmige Fassade, die nun von gewaltigen roten Betonstützen getragen wird. Empfehlung: mit den Rolltreppen ganz hinauf auf die Dachterrasse, von wo aus man einen guten Blick über die Stadt hat.

Umbau und -Nutzung

Umnutzung ist auch das Thema im Kulturzentrum El Born, im Osten der Altstadt. Die ehemalige Markthalle ist heute auch ein Veranstaltungsort, aber vor allem eine Ausgrabungsstätte des Stadtteils La Ribera wie er vor dem Abriß 1717 und dem Bau einer Zitadelle bestand.

Filigrane, kleinteilige aber weitgespannte Stahlstruktur des ehemaligen Marktes über Ausgrabung

Die hervorragend erhaltenen Grundmauern des Viertels sind der Niveauanhebung zu jener Zeit zu verdanken, wobei die alten Mauerreste nicht zerstört, sondern 1876 nur die Zwischenräume verfüllt und als Basis für die tragenden Elemente der Markthalle benutzt wurden.

Die Punktfundamente dieser grazilen, weitgespannten Stahlkonstruktion lassen heute einen umfassenden Blick in die Struktur dieses ab 2001 ausgegrabenen Stadtviertels zu. Hin und wieder gibt es öffentliche Führungen. Heute findet der „Tag der Museen“ in den Schulen statt, zahlreiche Klassen haben kurzerhand ihren Unterricht in die Halle verlegt, eine andere Art von Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona. Keine touristischen Führungen heute… „disculpen las molestias“ (verzeihen Sie die Unannehmlichkeiten).

Auch sonst sind Born und La Ribera attraktive Viertel. Alt mischt sich mit Neu zwischen baumbestandenen Plätzen und kleinen Boulevards um Sta. Maria del Mar herum, die Bevölkerung scheint ebenfalls bunt durchmischt. Auf dem Passeig Born findet ein kleiner Biomarkt statt mit Obst und Gemüse, Kleinstadtleben wie in vielen südländischen Orten.

An den Fenstern und Balkonen Politik: friedliches Nebeneinander der Fahnen Pro und Contra Unabhängigkeit und ihrer Spielarten (und anderer, weit privaterer Gesinnungen).

Fahnen der Unabhängigkeitsbewegung an Balkonen von Mehrfamilienhaus
Hausfassaden Wohngebäude, Mehrfamilienhaus mit Loggien, an den Brüstungen gelb-rot gestreifte Fahnen der Unabhängigkeitsbewegung Catalunyas
Neuere Hausfassade mit kleinem Balkon benutzt zur Demonstration politischer Gesinnung
Unabhängigkeit Barcelona/Tarragona von Katalonien… auch diese Meinung gibt es.

Das Herz auf der Zunge? Man zeigt, was man denkt. Gegenüber der Kathedrale La Sagrada Familia verkünden große Transparente den Widerstand gegen den immer noch nicht aktualisierten Bebauungsplan. Der zu Zeiten des Baubeginns 1882 nicht einmal existierte, da sich der Bauplatz auf freiem Feld weit außerhalb der Stadt befand und der heute den Abriß von 150 großzügigen Wohnungen notwendig machen würde, um die von Gaudí geplante Freitreppe zur Kathedrale bauen zu können.

Die erst im Herbst 2018 nachträglich erteilte Baugenehmigung der Kathedrale hat neuerlich die Diskussion angeheizt. Die Belastung der Bevölkerung durch 4,5 Mio. Besucher p.a. tut ein Übriges.

Und die Einwohner von Barcelona sind freizügig in ihrer politischen Meinungsäußerung. Schließlich stehen sie in der Liste des BSP nur knapp hinter Madrid, stellen also einen beachtlichen Anteil an den Einkünften für Gesamt-Spanien, obwohl der Bevölkerungsanteil wesentlich geringer ist. Hierin liegt wohl auch eine Ursache des Unmutes und folglich der Befreiungsbewegung vom spanischen Staatsgefüge.

Santa Caterina

Innenansicht Markt Sta. Caterina. Parabelförmige Dachträger aus Holz über Stahlstruktur.

Auf dem Rückweg ins Viertel La Ribera komme ich an Sta. Caterina im gleichnamigen Viertel, der ältesten Markthalle Barcelonas vorbei, eröffnet 1845 an der Stelle eines früheren Klosters gleichen Namens.

…nicht nur für den Einkauf gut!

2005 wieder in Betrieb genommen nach einem umfassenden Umbau durch die Barceloneser Architekten Enric Miralles und Benedetta Tagliabue ist er ein Blickpunkt im regelmässigen Stadtgefüge nicht nur auf Straßenniveau, sondern auch aus der Luft, was in meinen Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona leider nicht eingeschlossen ist. Die auch von innen sehenswerte geschwungene Holzkonstruktion des Daches ist bedeckt mit sechseckigen Dachziegeln, die die Farbigkeit der im Innern angebotenen Waren repräsentieren.

Und von frühmorgens bis mittags bieten hier kleine Bars schmackhafte tapas an, als Imbiss oder zu einer Mahlzeit, einem variado kombiniert, auch diese einen Besuch wert.

Loretos

Gegenüber fällt mir in der alten Häuserzeile ein kleiner Laden mit eher individuellen, gut gestalteten Andenken auf. Loreto, die Inhaberin, hat ihn dem absehbaren Verfall entrissen und mit Hilfe von zwei Freunden angemessen umgebaut. Angemessen, weil auf die frühere Struktur zurückgebaut und mit alten und natürlichen Materialien (alte Holzbalken, Tonplattengewölbe, Kalkputz) zu neuem Leben erweckt. Der handgespachtelte traditionelle Kalk-Zementboden mit der eingelegten floralen Dekoration bezeugt Materialkenntnis, Traditionsbewußtsein im besten Sinne und formales Gespür für aktuelles Design.

Restaurierung „auf eigene Gefahr“…

Ob es Unterstützung für solche wiederherstellenden Maßnahmen von der Stadt gäbe? Die zierliche Loreto lacht aus dunklen braunen Augen: „Du meinst Zuschüsse? Nichts gab es, im Gegenteil. Nach der Fertigstellung haben sie gesagt, das sei ja vorbildlich geworden. Und haben den Katasterwert erhöht. Jetzt muss ich noch mehr Steuern zahlen…“

Wegweiser zu diversen Geschäften an Holzpfosten an einer Straßenecke in der Altstadt

Nicht anders ist es den jungen Leuten ergangen, die im Gewirr zwischen Argenteria und Montcada den düsteren, feuchten Erdgeschossen, durch sachverständige Maßnahmen trockengelegt, mit kostengünstigen, fantasievollen Showrooms für maßgefertigte Lederschuhe und handgemachte Taschen, Seidenjacken, für individuell angefertigte Kleider und ausgefallenen Schmuck neues Leben eingehaucht haben.

Besondere Geschäfte

Auch ein Fahrradladen ist hier angesiedelt. Aber Vorsicht, Sie könnten sich dauerhaft verlieben! In dem industriellen Ambiente finden sich hier Design-Räder der Extraklasse, individuell entworfen bzw. angepaßt. Ich bin kein Radfahrer und bedaure das hier zum ersten Mal nachdrücklich.

Himmel auf Erden…

Ganz in meinem Element bin ich dagegen in der Papereria Ramis. Ein vierstöckiges Gebäude am Rand des Barrio Gótico, von unten bis oben angefüllt mit allem, das man aus, mit, für Papier (und Pappe) nur je brauchen kann. Und ich finde eine aufmerksame Bedienung, die mir versichert, dass man weitere Bestellungen unter Angabe der Artikel-No. auch problemlos telefonisch abwickeln könne. Himmel auf Erden.

Unermessliche Vielfalt an Papier in Format – Dichte – Struktur – Farbe – Haptik – für jeden Zweck das Passende….
– und natürlich alle Arten von dekorativen und nützlichen Geschenken aus, mit und für Papier in vier industriell anmutenden Etagen eines ehemaligen Gebäudes der Jahrhundertwende am Rande der Altstadt. Einen Besuch wert!

Auf dem Rückflug von meinem Wochenend-Bummel zur Architektur in Barcelona nach Mallorca nicke ich ein und träume von einer Reise mit dem Auto nach Catalunya und Umgebung und von Aladins Wunderlampe, die es mit allen Köstlichkeiten kulinarischer und nicht-kulinarischer Art zu füllen imstande ist. Ich muss gleich mal meinen Kalender befragen…. und bei Aladin eine Lampe bestellen.

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Weitere Fotos zu moderner Architektur in Barcelona in Kürze auf Instagram: angelika_hermichen

(fast) Alles was man braucht in Barcelona findet sich hier: https://www.mein-barcelona.com/ auch ein link zum Transportsystem Barcelona-Card mit vielen Vergünstigungen, online zu bestellen.

Liste sehenswerter neuzeitlicher „klassischer“ Architektur (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Garantie der Ortsangaben) – Gebäude, Adresse, Ortsteil, Architekt, Jahr :

  • Dispensari Antituberculos, Passatge de Sant Bernat 10, El Raval, GATPAC 1934-38
  • Menjadors de la Seat, Montjuic, C. Número 2 de la Zona Franca 25, César Ortiz Echagüe, 1954-56
  • Facultat de Dret (Rechtsfakultät der Universität), Les Corts, Pedro López Iñigo, Guillermo Giraldez Dávila und Xavier Subias Fages 1958
  • Estudis d’Alts Mercantils, Av. Diagonal 694-696, Javier Carvajal Ferrer und Rafael García de Castro Peña, 1954-61
  • Escola Tècnica Superior d’Enginyeria Industrial de Barcelona, Avinguda Diagonal 647, Robert Terradas 1959-64

Hotel Banys Orientals: https://www.hotelbanysorientals.com/en/

Restaurante El Senyor Parellada : https://www.senyorparellada.com/en/

Zu Mies van der Rohe, Barcelona Pavillon: https://de.wikipedia.org/wiki/Barcelona-Pavillon

Maria Del Mar Bonet: https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_del_Mar_Bonet https://www.youtube.com/watch?v=58O4EcMC6dQ (que volen aquesta gent) video mit Text eines Liedes zum Mord an einem gegen den Franquismo engagierten Studenten. Ggf. kopieren und per online-Übersetzer übersetzen. „…was wollen diese Leute, die frühmorgens an unsere Türe Klopfen?“

Raima, Barcelona: https://www.raimapapers.cat/en/

Neugierig auf weitere Reiseberichte? Hier aus China: https://ahabaustift.com/blitztrip-durch-wunderland-von-beijing-nach-shanghai-1/ , hier aus London: https://ahabaustift.com/reist-nach-london-1/

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Die Beschreibungen der erwähnten Lokale, Geschäfte und Aktivitäten beruhen ausschließlich auf eigenen Erfahrungen zum Zeitpunkt der Reise. Sie wurden von den Unternehmen weder beeinflußt noch bezahlt oder durch andere Zuwendungen gesponsert.

Alle Fotos, soweit nicht anders angegeben: ©Angelika Hermichen

10 Gedanken zu „Architektonischer Kurz-Trip nach Barcelona – ganz ohne Gaudí

  1. Danke für Deine so plastische Beschreibung Deines Bummels durch Barcelona´s zum Teil nicht so bekannte Ecken.
    Und die so fundierten architektonischen Anmerkungen und Erklärungen.

    Nach wohl über 50 Besuchen/Aufenthalten in Barcelona in den letzten gut 20 Jahren, war das wie eine
    Führung im Geiste ohne physisch dort zu sein.
    Das hat was, habe ich die passende Geräuschkulisse, die Farben des Pflasters, den Geruch und die Farben gespeichert.

    Mal einfach so durch Barcelona, danke Angelika, diese Führung ist Dir sehr gelungen!

  2. ein toller beitrag angelika … danke dafür. sehr feine, intime beschreibungen … teilweise mir bekannt teilweis nicht! kurzweilig geschrieben & locker mit deinen fotos aufbereitet … weiter so. spannend, informativ & lust machend barcelona al wieder zu besuchen . jfk

  3. Hallo liebe Angelika,
    ein sehr spannender Einblick in eine ganz andere Seite Barcelonas. Schon lange reizt mich ein Trip in diese Metropole, mit all ihren bekannten Highlights & Touristen-Spots.
    Dein Artikel zeigt eindrucksvoll, was Barcelona darüber hinaus noch so zu bieten hat. Macht Lust auf mehr.

    LG, Richard vom https://www.vatersohn.blog/

  4. Merci Angelika, et félicitations pour cet article sur Barcelone, qui nous donne envie d’aller visiter cette ville avec toi .
    Le traducteur est très pratique, très bien.

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