Naturfarbstoffe – neue (alte) Experimente

In der deutschen Mallorca Zeitung entdecke ich ein besonderes Angebot. Kathrin Bremer organisiert einen workshop zum Färben mit Pflanzenfarbstoffen auf der Finca Can Corem, Mallorca, wo von Herbst bis Frühjahr vielfältige Aktivitäten angeboten werden. Nun also das Herstellen natürlicher Farbstoffe aus den Kräutern des heimischen Gartens und der Umgebung und verwendbar für das Färben von Textilien, Wandfarben, Lebensmitteln.

In Ägypten wurde schon ca. 3000 v.Ch. mit Blütenextrakten gefärbt. Auch Wurzeln und Fruchtschalen (Walnuss) lieferten farbige Sude, die auch später in Europa in der Buchmalerei Verwendung fanden. Im 19. Jahrhundert geriet dieses Wissen mehr und mehr in Vergessenheit, die Chemie hielt Einzug in die Produktion von Textilien und damit auch in die Methode des Färbens.

   Neues Bewusstsein

Kathrin Bremer und Vera Dwors

Erst in jüngerer Zeit ist das Bewusstsein gewachsen, dass natürliche Farben zur Langlebigkeit des Produktes (wenn auch nicht immer des Designs) und insgesamt zum Wohlbefinden des Nutzers, mental und/oder körperlich, entscheidend beitragen. Jeder mag da entscheiden, was für ihn wichtig ist.

Auf Can Corem, einem Agroturismo im westlichen Umfeld von Campos, geht es herzlich zu. Kathrin Bremer,  im Hauptberuf Trainerin für nachhaltigen Tourismus, stellt die Leiterin des workshop vor, Vera Dwors, die in Deutschland lebt und als aktives Mitglied Seven Gardens unterstützt, eine Initiative von Künstler Peter Reichenbach. („Projektautor und Initiator von sevengardens ist der Essener Künstler Peter Reichenbach. Mit Projekten und Sozial Skulpturen weltweit hat er mit sevengardens ein neues Genre geschaffen, das Kunst und Kulturelle Bildung als Indikator innerhalb der nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO begreift.“ Zitat http://sevengardens.eu/2017/01/16/peter-reichenbach/) Sie erklärt anschaulich Ziele und Erfolge der Initiative und stellt Buch-Veröffentlichungen zum Thema vor.

Acht Frauen stehen um den langen Tisch herum und kommentieren den Aufbau. Ein halber Rotkohl, Wacholderbeeren, frische Zitronen aus dem Baum im Garten, Apfelessig, das kennen alle. Erinnerungen an Ostereierfärberei mit Zwiebelschalen und Roter Bete werden wach und die eigenen kreativen Erfolge in der Herstellung von T-Sirts und Pareos in Batik-Technik in den 70er Jahren. Nostalgie kommt auf… nicht das schlechteste Gefühl zum Einstieg in nachhaltige Produktion.

   Versuche und Erinnerungen

Zusätzlich gibt es Curcuma für strahlendes Gelb, Birkenholzasche für ein tiefschwarzes Ergebnis und Karotten. Und vieles mehr ist verwendbar, der Experimentierfreude ist keine Grenze gesetzt. Vor allem das Hinzufügen von Alaun, Natron oder Essig lässt den zuvor im Mörser von Hand ausgepressten Gemüsesaft schlagartig die Farbe wechseln, aus einem dunklen Kraut-Blau wird strahlendes Rot. Allerdings: mit jedem neuen Ansetzen derselben Naturfarbe ändert sich zwangsläufig der Farbton etwas. Er wird beeinflusst durch Temperatur und Urzustand des Materials und der genauen Menge der jeweiligen Zutaten.

Möchte man also natürliche Farbstoffe einem Kalkputz beimischen oder ein grösseres Stoffteil färben, muss schon zu Beginn eine ausreichende Menge vorbereitet werden. In jedem Fall darf mit Schattierungen eines Farbtones gerechnet werden, was aber zur Lebendigkeit des Farbtones und im Falle von Kalkputz und Kalkfarbe zu einer unverwechselbaren und eindrucksvollen Tiefe des Wandbelages führt. Quark und Buttermilch-Zusätze in der Kalkschlämme bewirken nicht nur einen appetitlichen Geruch (sofern man den zarten Duft einer Käserei mag) sondern sollen auch helfen, den pulverigen Abrieb der Oberfläche zu verfestigen.

   Sammeln im eigenen Garten

Aber zunächst färben wir hier vorbereitete Nesselstreifen, durch Vorwaschen von Appretur und anderen chemischen Rückständen der Produktion befreit. Auf der Leine trocknen die Farbmuster in zum Teil erstaunlichen Farbvariationen aus.

Zwischendurch gibt’s einen Gang über die Finca zum Entdecken und Sammeln wilder Kräuter, die praktisch überall auf der Insel wachsen und sich für Versuche anbieten. Wir entdecken Rubia peregrina, genannt „Färberröte“, deren Wurzel intensive Rottöne liefert, und rubia angustifolia, eine Schlingpflanze, die mit ihren kletternden, von winzigen Widerhaken besetzten Ranken jeden Baum und Strauch erobert bis in schwindelnde Höhen und ihn auf Dauer zum Absterben bringt. Und Glaskraut parietaris oficinalis.

   Exotisches

Wir diskutieren weitere Möglichkeiten, Wolle und Baumwolle, Papier (auch naturbelassene Tapetenrollen, die inzwischen, angeregt von sevengardens, auch in den einschlägigen Baumärkten erhältlich sind), Ton und Leder zu färben mit Khaki, Avocado, Aubergine, Wallnuss (Schalen und Blätter), Kamille, Granatapfel, Kartoffeln, Bananenschale. Auch Hibiskus, Lavendel, Calendula sind geeignet, was wir jetzt nicht ausprobieren können, der wie üblich trockene Sommer bietet nicht viel Auswahl auf der Insel. Zu anderen Zeiten jedoch, in Frühjahr, Herbst und Winter, unterstützt ein vielfältiger Hausgarten die Ideenproduktion. Zumal Zugaben von Salz, Natron, Essig und Zitrone den reinen Pflanzensäften weitere spontane Reaktionen abverlangen und erstaunliche Ergebnisse liefern. Mit dem erwähnten Rotkohl produzieren wir damit Blau und Rot, Pink, Lila, Violett… Anderes liefert Schattierungen von Gelb über Braun bis zum tiefdunklen Grün.

Auch unsere Hände zeugen davon. Wer einen Schreibtischjob hat und heute keine Gummihandschuhe trägt, wird am Montag morgen die blau-lila geränderten Fingernägel den Kollegen erklären können.

   Mallorquinische Expertinnen

Wir haben auch kompetente einheimische Unterstützung. Catalina und Esperanza, die betagten Tanten des Hausherren Toni, erzählen von ihren Kindheitserfahrungen mit Kräutern und Samen in Küche, Haus und Hof. Da liegt das Rezept des Hierbas, des mallorquinischen Kräuterschnapses oder -likörs, ganz nahe. Das führt uns zwar weg vom eigentlichen Anlass dieses workshops, ist aber ein sympathischer, willkommener Abschluss eines informativen und unterhaltsamen Vormittags auf Can Corem.

 

Wikipedia: Naturfarbstoffe https://de.wikipedia.org/wiki/Farbstoff#Naturfarbstoffe

https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%A4rberpflanze

Sevengardens: http://sevengardens.eu/2017/01/16/atelier-workshops/

auf Mallorca: https://sevengardensbaleares.wordpress.com/blog/

Buch: Farbstark mit Sevengardens, Pala Verlag 2017 https://pala-verlag.de/buecher/farbstark-mit-sevengardens/

Kathrin Bremer: Trainerin für Interkulturelle Kommunikation & Nachhaltigen Tourismus www.kathrinbremer.com

Veranstaltungsort: https://www.fincacancorem.com

alle Fotos: ahermichen

6 Gedanken zu „Naturfarbstoffe – neue (alte) Experimente

  1. Liebe Angelika,

    wieder ein spannender Beitrag hier. Schade, ich wäre gerne dabei gewesen, aber habe den Termin verpasst. Tolles Angebot und sehr aktuelles Thema.
    Vielen Dank auf bald …. Lebeleicht

    1. Liebe Lebeleicht,
      dieser Kurs wird sicher wiederholt, und dann bestimmt zu einem günstigeren Zeitpunkt, dann, wenn die mallorquinische Ruhezeit, der Sommer, vorbei ist und Kräuter und Blüten wieder in grosser Vielfalt zu finden sind. Über Kathrin Bremer und Can Corem kann man sich sicher informieren.
      Inzwischen lockt vielleicht auch die Seite von sevengardens…?
      Lieben Gruss
      Angelika

  2. Liebe Angelika,
    vielen Dank für diesen schönen Beitrag!!!
    und liebe Gudrun,
    wir wollten uns ja eh einmal treffen…. Die nächsten 2 Wochen passt es gut. Ich habe Dich über FB angeschrieben….

    Einen bezaubernden Tag Euch beiden!
    LG von Kathrin

  3. Liebe Angelika,

    ein wunderbarer Beitrag, fast fühle ich mich so als sei ich dabei gewesen.
    Nun, diesmal leider nicht, jedoch bei Wiederholung gerne.
    Das Thema interessiert mich.

    Danke dafür und bis ganz bald…
    Heidi

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