Blitztrip durch Wunderland – Von Beijing nach Shanghai (1)

Von Beijing nach Shanghai in 10 Tagen, ein Blitztrip durch China, das Land der Mitte. Das asiatische Land, das heute als Wunderland gilt, mit den so konträren wie spannenden Metropolen Beijing und Shanghai. Nicht wirklich meine Art zu reisen, die wäre wesentlich geruhsamer, aber doch geeignet, nach mehr als 20 Jahren wieder einmal einen gezielten Blick auf dieses so faszinierende Land zu werfen.

Es begann mit einer spontanen Idee: „Du, lass uns mal wieder reisen…“ Die Schwester hatte ein Angebot eines Reiseveranstalters gesehen, das verlockend klang. Nicht zu lang für eine willkommene Abwechslung zu einem rigoros eng getakteten, verantwortungsvollen Arbeitsalltag, komfortabel und mit einem attraktiven, vorgefertigten Komplett-Programm. Da sie und ich weit entfernt voneinander leben, uns daher nicht allzu häufig sehen, schien das der perfekte Anlass, diese Art Reise einmal gemeinsam auszuprobieren.

   Ready-made in Reise-Version…

So treffen wir uns am Tag der Abreise am Flughafen, verbringen eine Nacht in den Lüften über der Slowakei, Russland und Kazakhstan, werden vertraut gemacht mit chinesischem air catering und chinesischem Englisch, um nach 10 Stunden in Beijing airport zu landen.

Die Einreiseformalitäten deuten schon an, was uns erwarten wird. Totale Kontrolle. Detailliert auszufüllendes Formular zum Zweck der Reise und der Aufenthaltsorte. Biometrisches Foto an Ort und Stelle zum Abgleich mit dem des erteilten Visums im Pass. Fingerabdrücke beider Hände. Die Kofferausgabe verläuft zügig. Der Inhalt ist sicher bereits aufs Kleinste aufgenommen und mit den Einreisedaten gespeichert. Wie weit die Kontrolle geht, wird uns erst später klar.

   Eine kleine Reisegruppe

Unser Reiseleiter, Herr Fu, macht uns mit dem Rest der Gruppe bekannt, 16 weitere Teilnehmer verschiedenen Alters, vom jungen Studentenpaar bis zum älteren Ehepaar mit Sohn und Schwiegertochter. Herr Fu hat in Beijing Germanistik studiert und einen Monat im südwestlichsten Zipfel Deutschlands verbracht. Von dort hat er eine Stoff-Eule im charakteristischen „Häs“ der alemannischen Fasnet mitgebracht, die uns in den folgenden Tagen auf unseren Exkursionen begleiten wird. Wir gehen niemals verloren, die Eule ist so verschieden von allen anderen in den chinesischen Himmel gereckten Erkennungszeichen hunderter Touristenführer.

Das können wir am nächsten Tag testen. Beijings Tiananmen-Platz ist gut besucht, ein starkes Polizeiaufgebot beobachtet das Kommen und Gehen, streng blickende Uniformierte lenken endlose Besucherströme über Umwege und Unterführungen in Richtung Verbotene Stadt. Der gesamte Platz ist eingezäunt, die Kameraüberwachung nahtlos. Bei meinem letzten Besuch war er besser zugänglich und bei weitem nicht so überlaufen.

Dort wird mir erneut drastisch bewusst, wie sich in zwanzig Jahren eine Stadt verändern kann, die Gänsehaut, die die Erinnerung an die Geschichte hier produziert, ist jedoch dieselbe.

Die zehn Fahrspuren vor dem kolossalen roten Torgebäude in Beijings Zentrum waren seinerzeit von Tausenden von Radfahrern bevölkert, die das Wechseln der Straßenseite zum lebensgefährlichen Unternehmen machten. Der typische, warnende Fahrradklingelton war allgegenwärtig und die Klingel ein beliebtes Souvenir. Hin und wieder waren da ein PKW, der wahrscheinlich einem Parteifunktionär gehörte und eine Reihe Transport-Fahrräder und -Mopeds mit unglaublich voluminösen Lasten. Heute gibt es Fußgängerampeln und Tausende funkelnagelneuer Autos der teuersten westlichen Marken, weit und breit kein Fahrrad. Aufregend ist das Überqueren immer noch.

   Der Hauch der Geschichte

In zügigem Schritt führt uns die Eule von Herrn Fu durch den Kaiserpalast. Die weiten Anlagen sind gut erhalten, hier und da gibt’s kleinere Baustellen. Viele Innenräume, die wir damals noch von nahem anschauen konnten, sind heute abgesperrt und nur durch schmale Türöffnungen zu sehen. Dutzende Kameras und Handys recken sich in die Höhe wie Tentakeln der Riesenkrake Tourist. Später werden die Besucher am Besten anhand ihrer Fotos nachvollziehen können, was sie mit eigenen Augen gar nicht wirklich gesehen haben. Die Nachfolgenden drängen, ein zögernder Schritt, ein Druck auf den Auslöser, schon muss es weitergehen. Wir haben kaum Gelegenheit, aus dem zähen Strom auszubrechen und die entlegeneren Bereiche des Palastes, die Nebengebäude und versteckten Höfe zu entdecken, die Ruhe und die Atmosphäre eines Jahrhunderte alten hermetisch abgeschlossenen Stadtbezirkes für die Kaiserfamilie auf uns einwirken zu lassen.

       

Glücklicherweise hat das Anschauen einschlägiger Kinofilme vor der Reise (z.B. Der letzte Kaiser), zum Verständnis beigetragen. Dennoch müssen wir wieder in den zügigen Reisegruppenschritt fallen, nach eineinhalb Stunden muss der Besuch beendet und die Gruppe wieder am Bus sein. Das Programm erlaubt nur wenig spontane Änderungen und kein intensiveres Beschäftigen mit den Themen. Der Geist rotiert, ein Erleben wie im Rausch…. Bei einer nächsten Reise nach Beijing werden wir viel Zeit für eigenes Entdecken einplanen.

Fortbewegung in und um Beijing ist eine Übung in Geduld. In einem weiten Radius um das Zentrum kann von Verkehr keine Rede sein, stop and go. Für eine Strecke von 25 km braucht der Bus zwei Stunden. Daß es nicht noch schlimmer ist, liegt am Fahr-Verbot für LKW tagsüber und der strikten Reglementierung des Autoerwerbs. Allein das Nummernschild für das neue Vehikel kann da schon mal eine mittlere vierstellige Summe kosten.

Wangjing Soho by Zaha Hadid, Quelle: Bangabandhu, wikipedia Commons

Hervorragend funktioniert dagegen die Metro; für die Olympiade gut ausgebaut und auch für Westler leicht zu verstehen und zu benutzen. Aber immerhin, führen wir nicht im Bus, würde uns der Anblick der gigantischen Neubauviertel und der aus dem Boden gestampften Büro- und Hotelbauten entgehen. So dürfen wir uns an der neuen Architektur erfreuen oder auch nicht und noch einige der seltsamen, in den 90ern üblichen Dachlösungen (traditionelle chinesische Dachform auf neuzeitlichem Hochhaus) bestaunen.

 

 

 

Hutongs, traditionelle Wohngebiete

Die alten, grau verputzten, eingeschossigen Hofhäuser mit ihren roten Eingangstoren in Beijings Mitte sind schon weitgehend verdrängt worden von zum Teil gigantischen Wohn- und Geschäftsgebäuden. Ein kurzer Blick auf einen zum Vergnügungsviertel umgewandelten Hutong-Bereich verstärkt nur die Enttäuschung, nicht selbst die Route bestimmen zu können, Zeit genug für gelassenes Schweifen in den unberührten alten

Hutong, Quelle: Snowyowls, Wikipedia Commons

Stadtbezirken zu haben, um den Rhythmus der Bebauung erfassen zu können, auch im Grau die feinen Nuancen der Farbgebung zu entdecken, die verschiedenen Hölzer der Türen, den immer gleichen Schwung der Dächer und ihrer Grate und die fein gestalteten Dachziegel. Ein Spaziergang wäre verlockend, auch wenn ein paar Schritte weiter die engen Gassen sich zwischen den düsteren, hier nicht nicht sonderlich gepflegten Backsteinhäusern verlieren und im Dämmer einen offenbar aussichtslosen Kampf mit übervollen Wäscheleinen und Müllbergen ausfechten.

 

Die Tour zum Sommerpalast gestaltet sich ähnlich durchorganisiert. Ankunft, Erklärung, 45 Minuten für eigenes Entdecken. Die interessanteren entlegeneren Bereiche können wir aus Zeitmangel gar nicht ansteuern, wir begnügen uns mit dem Umherstreifen in den nächsten Höfen und Gärten, beobachten die chinesischen Touristen, die im Familienclan in den Höfen lagern und die jungen Frauen, die in einem zum Kiosk umgewandelten Nebengebäude bunte Limonadeflaschen fürs Picknick anbieten. Hier wollten wir gern einen ganzen Tag verbringen..!

   Die Mauer, ein „sportliches“ Bauwerk

Auch der Ausflug zur Großen Mauer am Ju-yong-Pass ist minutiös verplant. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir eine eindrucksvolle Landschaft mit stark abfallenden, dicht bewachsenen Hängen, in der Tiefe schimmert die stille dunkle Wasserfläche eines gestauten Flusses, erreichbar über endlose Treppen in alten, von Feuchtigkeit schwarz verfärbten, gewaltigen Türmen.

Herr Fu liefert eine geschichtliche und geographische Erläuterung – und schon werden wir in die steilen Treppen der Mauerkrone entlassen, die in diesem engen Hochtal einige, auch für sportliche Naturen herausfordernde Rundtouren bietet.

Die manchmal kniehohen Stufen bringen uns irgendwann an unsere Grenzen, wir überlassen die Jungen ihrem Ehrgeiz und ziehen uns zurück in den Hof eines naheliegenden Gebäudes, der Atmosphäre zwischen den vermutlich zur Unterbringung der Garnison genutzten Häuser nachgehend.

                                                             Hier wird spürbar, was wir uns unter dem alten China vorstellen, roter Lack und bizarre Bäume in symmetrisch angelegten Höfen, schattige, hölzerne Umgänge mit aufwendigen Schnitzereien.

Wir lassen uns ein auf die Wahrnehmung im Rythmus eines fremden, früheren Lebens…

 

Kaiserpalast: https://de.wikipedia.org/wiki/Verbotene_Stadt

Hochhäuser bei Guanghua Road: https://en.wikipedia.org/wiki/CMG_Guanghua_Road_office_area

Das Symbol des Drachen: https://www.planet-wissen.de/kultur/fabelwesen/drachen/pwiederchinesischedrache100.html

Ju-Yong-Pass: https://en.wikipedia.org/wiki/Juyong_Pass

Hutong: https://de.wikipedia.org/wiki/Hutong

Chinesische Architektur (traditionell): https://de.wikipedia.org/wiki/Chinesische_Architektur

 

 

2 Gedanken zu „Blitztrip durch Wunderland – Von Beijing nach Shanghai (1)

  1. Auch wenn alles im raschen Tempo zu absolvieren war, einen klein(st)en Einblick in das heutige China nehme ich dennoch mit. Und frage mich ob mit mehr Zeit ein wesentlich anderes Bild zustande käme. Scheint doch ein differenziertes solches gar nicht erwünscht zu sein. Von den Umständen und Kontrollen mal ganz abgesehen. Danke für Deinen Bericht liebe Angelika.

    1. Und das ist erst der erste Teil der Reise.
      Insgesamt stellt sich die Frage, ob diese Art „Häppchen“-Konsumierung den besuchten Gegenden und ihren Bewohnern überhaupt gerecht werden kann. Was mir fehlte, ist die Muße, z.B. in einem Tempelareal oder einem Stadtbezirk die besondere Stimmung zu erfassen, Licht, Klang, Geruch im Wechsel der Tageszeit im eigenen Rythmus aufzunehmen. Insofern es auch eine wichtige Erfahrung war…
      Danke für Deinen Kommentar!

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