Wie es wirklich ist….

Viele Menschen haben ein unbestimmtes Bild von der Arbeit eines Architekten. Idealerweise ist er für sie ein künstlerischer Mensch, der nach einem nicht allzu langen Studium einem zahlungskräftigen Bauherrn in einem Augenblick einen Entwurf in leichter Hand zu Papier bringt und dem Bauherrn  so zu seinem Traumhaus verhilft. Der wie mit einem Zauberstab aus der Ferne Bauunternehmer und Handwerker in einen Tanz vereint, um Pläne in Realität zu verwandeln oder der, nächtelang mit starkem Kaffee um seinen Nachtschlaf gebracht, aussergewöhnliche Ideen für aussergewöhnliche Bauaufgaben für Wettbewerbe erarbeitet…

    Intensives Studium

Die Realität sieht meist anders aus. Das mehrjährige Studium fordert ein hohes Mass an Arbeitseinsatz von Beginn an. Die Arbeit in einem Architekturbüro ist mehr von der Persönlichkeit des Inhabers geprägt als von der Finanzkraft der Bauherren (obwohl auch das in manchen Fällen einen gewissen Einfluss hat), und die 48-Stunden-Marathons im Wettbewerbsrausch sind nicht die Regel, jedoch fordert auch die Bewältigung der normalen Arbeiten im Büro oder in den Seminaren vollen zeitlichen Einsatz.

So erlebte ich das Architekturstudium nach meiner Berufstätigkeit als Designerin für private Auftraggeber und im Laden- und Messebau nun als neue Herausforderung.

Bauphysik und Bauchemie, Baustoffkunde, Tragwerklehre (üblicherweise als Statik bezeichnet) waren ja nicht so aus dem Handgelenk abzuhandeln. Hinzu kam die Informatik. Umsteigen von den von Hand in Bleistift und Tusche an der Reißschiene gezeichneten Plänen zu Monitor und Maus. Eine Zeit von lernend durchwachten Nächten und arbeitsintensiven Wochenenden.

Architekturgeschichte, Denkmalpflege, Zeichentechnik in der verfeinerten dreidimensionalen Darstellung historischer Bauten und das Freihandzeichnen – gleichermassen interessant und fordernd wie auch ausgleichend.

Im Tagesgeschäft eines eigenen Büros stellt sich dann schnell ein neuer Rythmus ein. Der Entwurf wird verdrängt von anderen Teilbereichen einer Bauaufgabe. Administratives vor allem will bewältigt werden, vielfältige Aufgaben, die sich um Grundstücke und Bebauung drehen und immer individuelle Lösungen verlangen. Und die Entwurfstätigkeit oft in den Hintergrund drängen.

Wie es wirklich ist, Steinthal's house, Arne Jacobsen,
steinthal’s house, architect: arne jacobsen, 1937, Fotograf: seier+seier, some rights reserved, Quelle: www.pics.de

    So gerne wäre ich ja auch…

Und hin und wieder habe ich einen neuen Kunden am Besprechungstisch sitzen, der, nach der ersten höflichen Unterhaltung zum Kennenlernen, sich wohlgefällig umschaut, den Blick gleiten lässt über Computer und Aktenordner, Zeichenstifte und Handy, Pappmodelle, Skizzenpapier und Bandmass und seufzend bekennt: „Ach ja, ich wäre auch gerne Architekt geworden.“ Was klingt wie ein Hadern mit dem Schicksal, das diese wunderbare Karriere dieses so besonders geeigneten Menschen, der da vor mir sitzt, nur aus ganz albernen Gründen nicht hat Realität werden lassen. Eine Begabung, die der widrigen Umstände wegen nun nur hin und wieder einmal dünn aufscheinen kann in seinen Vorschlägen zur dekorativen Gestaltung der Weihnachtsfeier der Informatikfirma, in der er einen leitenden Posten innehat…

    Der Film im Kopf

Im Gespräch wird dann oft schnell deutlich, dass die Vorstellung vom Berufsbild des Architekten nicht viel mit der Realität gemein hat. Da wird „Kreativität“ zitiert, ein Begriff der fälschlich meist mit künstlerischem Gestalten gleichgesetzt wird, obwohl er lediglich das Verbinden von unterschiedlichen Mitteln oder Gedanken, die zunächst keine Gemeinsamkeit aufweisen, zu etwas Neuem bezeichnet, das in dieser Form noch nicht dagewesen ist. In diesem Sinne durchaus ein Schöpfungsakt, der jedoch nicht zwingend mit künstlerischer Tätigkeit einhergehen muss (https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t ).

Im Falle des Architekten ist der schöpferische Akt ein Aspekt der beruflichen Arbeit. Aber bei weitem nicht der einzige. In den Jahren des Studiums nimmt die Entwurfsschulung nur einen relativ geringen Raum ein im Vergleich zu den technischen Fächern. Das Architektur-Studium ist immer noch eine Art Studium Generale, nicht in der Interpretation als Orientierungsphase, sondern als Erarbeitung eines Basiswissens in diversen Disziplinen gedacht, um tieferes Verständnis zu erzeugen in übergreifenden Fragen der Soziologie, Natur- und Kulturwissenschaften. Architekturgeschichte, Denkmalpflege, Physik, Chemie, die Lehre von Tragwerken und geologischen Gegebenheiten müssen beim Erstellen eines Gebäudes zusammenwirken, um ein charakteristisches Gebäude für diesen Nutzer an diesem Ort schaffen zu können, das darüber hinaus allen Anforderungen technischer und rechtlicher Art Genüge tut.

    Bürokratie und Technik

Denn auch das ist ein nicht unbedeutender Teil der Tätigkeit eines Architekten. Das endlose Studium von Gesetzen und Durchführungsbestimmungen, von technischen Auflagen und Entwurfsbeschränkungen und bürokratischer Weiterverarbeitung verschlingt Stunden, die immer der Entwurfszeit fehlen. Es macht die Entwurfsphase nicht einfacher, sondern in der Regel komplizierter, weil der unbefangene, spontane Arbeitsantrieb durch die gegebenen Bedingungen gebremst wird, der emotionale Zugang zur Aufgabe wird blockiert und muss erst wiederbelebt werden. Nicht umsonst suchen viele grössere Architekturbüros gezielt nach Mitarbeitern für bestimmte Leistungsphasen. In den ersten Phasen des Entwurfs sollte der unverdorbene Blick auf die Möglichkeiten nicht von den einschränkenden Bedingungen technischer oder finanzieller Art verstellt werden. Später können die Techniker ihre Beiträge leisten und so im Zusammenspiel und der Diskussion mit dem Entwerfenden ein gemeinsames, gelungenes Projekt schaffen.

    Wer zahlt bestimmt…?

Und dann ist da der Bauherr als Auftraggeber und Einflussnehmer. Sicher, es soll sein Haus werden und er soll sich darin wohlfühlen. Es soll ihm und seiner Familie passen wie eine dritte Haut, nach der Kleidung, durch die er ja bereits ein Statement abgibt. Also gibt er einige Parameter vor. Denn schliesslich wird er es bezahlen, und das berechtigt ihn in seinen Augen zu grösstmöglichem Einfluss. „Ich weiss, was ich brauche und was mir gefällt!“, die wesentlichen Kriterien eines Bauherrn. Der Entwurf ist in solchen Fällen oft ein schwieriger Prozess. Und man wäre dankbar, an den Hochschulen hätte es auch Kurse in Bauherrenpsychologie gegeben.

Selten sind die Fälle, in denen sich Bauherren unbefangen auf einen Architekten einlassen, ihm das Grundstück präsentieren und die Gründe für dessen Erwerb. Die ihm die Familie vorstellen, ihn einladen, einen Tag, einige Stunden im Familienleben zu verbringen oder wenigstens im Detail einen Tagesablauf schildern, um sich dann zurückzuziehen, auf die Intuition und das Einfühlungsvermögen ihres Architekten zu vertrauen und vom schliesslich entstandenen ersten Vorschlag an gemeinsam das neue Zuhause zu erarbeiten.

Allerdings, es gibt sie. Diese Bauherren, die ebenso wissen, was sie möchten. Die einen konkreten Traum im Kopf als Film gespeichert haben und manchmal diesen auch anschaulich vermitteln können. Mit denen man dann diesen oft genug diffusen Film gemeinsam in Szene setzen kann. Da geht es in den Gesprächen weniger um formale Details, sondern um Gefühle. Situationen. Da geht es um Licht und Temperatur, um Farbe und Klang und Gerüche, um eine Gruppe Menschen um einen Tisch oder am Kamin. Um Atmosphäre. Um die Frage „Wo wollen wir essen, fernsehen, lesen? Wer kocht wie, wo und wann?“ und Vieles mehr. Die Lösungen dazu können wir gemeinsam sehr gut erarbeiten, auch unter der Vorgabe „Wissen Sie, wir wollten eigentlich ein Haus auf einer griechischen Insel, aber nun muss dieses Haus auf Mallorca entstehen….“.

    Gemeinsame Arbeit

Eine echte Zusammenarbeit beginnt. Bauherr und Architekt erarbeiten gemeinsam dieses eine besondere Haus für diesen einen besonderen Platz und die Menschen, die dort leben wollen. Sternstunden. Immer noch getragen vom Ringen um das Ideal, das Sinnvolle, das Angemessene, das Mögliche. Aber getragen auch von einem gleichschwingenden gegenseitigen Respekt.

Und wenn der Architekt dann noch den immensen administrativen Teil seiner Arbeit, der mittlerweile 75% und mehr eines Projektes ausmacht, nicht als Belastung, sondern als Ergänzung betrachtet, dann sind beste Voraussetzungen gegeben, das Unternehmen „Wir bauen ein Haus“ zu einem glücklichen Abschluss zu bringen.

 

 

 

2 Gedanken zu „Wie es wirklich ist….

  1. Liebe Angelika,

    vielen Dank für diesen leichtfüssigen Artikel und Deine Gedanken zu einem Beruf, der ganz sicher in jeder Hinsicht sehr herausfordernd ist. Ich weiss ja, wie Du arbeitest, jedenfalls ansatzweise und in mir gibt es immer noch dieses Gefühl der ersten Begehung mit Dir in dieser alten Wäscherei. Du hast diesen Ort genauso verstoffwechselt, wie ich und Deine Gedanken und Pläne zu unseren Gedanken und Plänen, waren so berührend und kraftvoll und stimmig, dass ich davon heute noch berührt und begeistert bin.

    Ein toller Block, den ich sicher regelmässig lesen werde. Vielen Dank Dir und lieben Gruß von Lebeleicht!

  2. Liebe Lebeleicht,
    auch für mich war die Arbeit mit Euch und „Eurer“ Wäscherei ein spannendes Unternehmen. Der besondere Raum erforderte besondere Lösungen…
    Das Erarbeiten eines auf den Kunden perfekt zugeschnittenen Entwurfs ist eben immer eine ganz eigene Prozedur und schreibt seine eigene Geschichte, in die alle Beteiligten ein Stück von sich selbst einbringen.
    Dank für Deinen Kommentar und lieben Gruss
    Angelika

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